Der kleine Junge im Kinderstuhl

Der kleine Junge im Kinderstuhl

 

Schon bevor wir in den Frühstücksraum kommen, hören wir ein kleines Kind quengeln, ähh ähh ähh. Ich bin erleichtert, daß im Frühstücksraum keine Musik läuft, aber das hier geht für uns beide auch nicht. Ich bin genervt.

Während ich mich am Büffet orientiere, sehe ich, wie ein kleiner Junge, vielleicht 1 ½ Jahre alt, eher jünger, im Kinderstuhl sitzt und ständig seine Ärmchen zu seinen Eltern, die mit ihm am Tisch sitzen, ausstreckt. Dabei macht er dieses verzweifelte Quengeln, so laut es ihm möglich ist. Noch schreit oder kreischt er nicht.

Ich bin erleichtert, daß es im Nebenraum auch Tische gibt.

Aber auch da hören wir ihn. Er gibt einfach nicht auf. Ich bin verwundert, wie geduldig der Kleine dran bleibt.

Ich sehe, wie er weiterhin seine Ärmchen ausstreckt und ähh macht. Dann hat er einen Gegenstand in der Hand und streckt seine Hände zu seiner Mutter aus, damit sie diesen nimmt, auch jetzt keine Reaktion von seinen Eltern. Sie unterhalten sich weiter und ignorieren die Bemühungen des Kleinen komplett.

Alle müssen es hören. Das Ähh dominiert den ganzen Raum und darüber hinaus. Bin denn nur ich genervt? Wie machen das die Anderen?

Ich halte das nicht aus.

Wir beschließen, in unserem Zimmer weiter zu frühstücken und stehen auf. Beim Vorbeigehen sage ich zu den Eltern ruhig, aber fühlbar genervt:

„Entschuldigung, können Sie nicht mal Ihr Kind rausnehmen und auf den Arm nehmen?“. Darauf der Vater, ziemlich geladen: „Nee……, das Kind unterhält sich mit uns“.

Ich, sprachlos und entsetzt, nur noch weg hier.

Nochmal kurz im Raum umgeschaut, um zu checken, ob es irgendwelche Reaktionen der Anderen gibt, keine, und raus.

Der kleine Junge übrigens schaute mich währenddessen die ganze Zeit über interessiert und freundlich an, und für den Moment kam kein Ähh.

 

So geht Unterhaltung?

Der Vater sagte auch nicht, mein Kind, sondern das Kind, für mich ein Zeichen von Distanz.

Leider ist mir erst später noch einiges in den Sinn gekommen, wie und was ich auf seine Aussage hätte sagen sollen/können, wie z.B.:

„Das verstehen Sie unter Unterhaltung?“

„Sie verstehen seine Sprache nicht!“

„Der Junge ist doch kein Hund, den man anbindet und ruhigstellt“

 

Wie verzweifelt dieser kleine Junge jetzt schon versucht, Aufmerksamkeit von seinen Eltern zu bekommen. Da bleibt doch als Nächstes nur noch Schreien, Quieken, Wut.

Vielleicht hätte ich mich auch zuerst dem Jungen zuwenden und ihm zeigen sollen, daß ich ihn die ganze Zeit mitkriege und wie leid es mir tut, daß er sich so anstrengen muß.

 

 

 

Im Nachhinein bin ich froh, daß ich mich gezeigt habe.

Alle im Raum haben den Kleinen mitgekriegt.

Die meisten von ihnen müssen genervt gewesen sein.

Alle haben so getan, als wäre nichts.

Wer tritt denn für die Kleinen ein?

Ich hätte mir früher gewünscht, daß jemand für mich eingetreten wäre und mich beschützt hätte und meinen Eltern und Großeltern gesagt hätte, was nicht in Ordnung ist in der „Erziehung“ oder in dem Moment.

Unvorstellbar, daß das geschehen hätte können.

Diese, aus meiner Sicht, Ignoranz der Eltern am Frühstückstisch erlebe ich ständig, überall, tagtäglich und weltweit.

Ignoranz der Eltern gegenüber ihren Kindern ist kein Mißbrauch, aber eindeutig Vernachlässigung.

Vernachlässigung ist unerträglich.

 

Was ist dabei, den Kleinen aus dem Stühlchen rauszunehmen, ihn in den Schoß zu nehmen, mit ihm zu sprechen, ihn dabei zu berühren, und sich dabei dennoch zu unterhalten? Ok, das geht dann nicht so, als wenn man alleine ist. Aber man ist mit einem Kleinkind nicht mehr alleine, zumindest nicht die meiste Zeit. Das ist dann so.

Es lohnt sich so etwas von, in den ersten Jahren im engen Kontakt mit seinen Kleinen zu bleiben, sie zu tragen, bei sich zu halten, auf sie einzugehen, so, wie sie sich äußern. Und klar ist man genervt, wenn man keinen Schritt alleine gehen kann und ständig jemanden an sich kleben hat. Mit dem Genervtsein sollte man dann bei seinem Partner oder bei Freunden landen können, um sich selbst wieder zu finden und dann wieder Raum für seine Kinder halten zu können.

Kinder fordern und wollen und beschweren sich sofort, wenn es nicht in ihrem Sinne läuft.

Da muß man gesund autoritär dagegen halten, aber auf keinen Fall ignorieren. Das Kind muß spüren und die Erfahrung machen, daß die Erwachsenen stärker sind als es selbst. Nur dann kann es ihnen vertrauen. Und so lernt es nach und nach, sich selbst an den Erwachsenen gesund abzugrenzen, sich selbst zu finden und sich selbst zu vertrauen.

 

 

 

 

 

 

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